Dietrich Haubenberger leitet die klinisch-translationale Forschung des Unternehmens Neurocrine Biosciences in San Diego und ist Ratsmitglied des FORWIT in Wien © Johannes Zinner
Dietrich Haubenberger leitet die klinisch-translationale Forschung des Unternehmens Neurocrine Biosciences in San Diego und ist Ratsmitglied des FORWIT in Wien © Johannes Zinner
Interview

„Europa soll bei Finanzierung von US-Forschung einspringen“

Dietrich Haubenberger, klinischer Leiter des Biotech-Unternehmens Neurocrine in San Diego, lässt im Selektiv-Interview mit einem Vorschlag aufhorchen: Entzieht US-Präsident Donald Trump wichtigen Forschungsprojekten die Fördermittel, so soll Europa einspringen und sich als Partner finanziell daran beteiligen. US-Forscher tatsächlich nach Österreich zurückzuholen, sei etwas zu kurzfristig gedacht, so Haubenberger. Als Ratsmitglied des Rates für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT) sieht er in Österreich noch großen Aufholbedarf im Bereich der Public-Private-Partnerships und der Drittmittel-Finanzierung von Forschungsprojekten.

Hohe Bürokratie-, Lohnstück- und Energiekosten belasten die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Österreich. Wie sieht es bei der Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsstandorts Österreich aus?

Dietrich Haubenberger: All diese Faktoren spielen hinein, vor allem aber das Thema Risikokapital. Der österreichische Forschungsstandort ist viel zu sehr auf die öffentliche Hand angewiesen. Dabei muss der Forschungsstandort auch immer im gesamten europäischen Forschungskontext gesehen werden. Es ist nicht zwingend ein Vorteil, sich als individueller Standort zu definieren.

Die Vorteile des amerikanischen Forschungsstandorts gehen bis in das Kulturelle hinein. Die Bereitschaft, Risiko einzugehen und auch Fehlschläge zu erleiden, ist in den USA viel größer. Diese Risikokultur muss auch im österreichischen Förder- und Bürokratiesystem ermöglicht werden.

Es muss auf der einen Seite die unmittelbare Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse und die Hürden am Weg dazu beachtet werden. Auf der anderen Seite ist es wichtig, der Forschung, insbesondere im Grundlagenbereich, einen Freiraum zu gewähren, sodass gute Ideen hervorkommen und ausgetestet werden können.

Österreich investiert viel in Forschung, steht jedoch bei der Verwertung von Forschung am Markt („science-to-market“) im Vergleich schlecht da. Womit kann man diesen „Gap“ am besten erklären?

Das ist ein zentrales Thema, das auch dem Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT) sehr wichtig ist. Auch der FORWIT will das besser verstehen und hat hierzu eine erste Sondierungsstudie gestartet. Wir wollen den Innovationszyklus in unterschiedlichen Wirtschaftssektoren abbilden, Transferprozesse nachvollziehen und Bottlenecks, Hindernisse und ihre Ursachen identifizieren. Im Herbst wird der FORWIT die Ergebnisse im Rahmen der Technology Talks Austria präsentieren.

Aus US-Sicht ist das Thema der Public-Private-Partnerships zentral. Die enge Zusammenarbeit zwischen Forschung, Staat und Industrie ist notwendig für den Fortschritt.

Die neue Regierung hat sich eine Forschungsquote von 4 Prozent ins Programm geschrieben. Derzeit jagt aber eine Budget-Hiobsbotschaft die nächste. Erwarten Sie, dass dennoch genug Mittel für Forschung allokiert werden können?

Die Forschungsquote von 4 Prozent ist ein wichtiges Ziel, das wir als FORWIT auch immer eingefordert haben. Man muss investieren, um nachhaltigen Erfolg zu sehen. Man muss gerade in Zeiten wie diesen aber auch immer darauf achten, wie effizient das System läuft. Die Investition der 4 Prozent ist wichtig – gleichzeitig müssen wir aber darauf achten, wie man das System an sich effizienter gestalten kann. Hier kommen wir zurück zur Input-Output-Frage. Es ist durchaus notwendig, sich systemisch anzuschauen, wo und wie öffentliche Gelder effektiv eingesetzt werden und wo man sich vielleicht noch einmal überlegen muss, Strukturen umzubauen und sie schlanker, effizienter und nachhaltiger zu gestalten.

In den USA ist es durchaus üblich, dass Geldmittel von A nach B verschoben werden. Es werden Mittel aus Bereichen abgezogen, wenn dort nach einer gewissen Phase Ziele nicht erreicht wurden, oder eben schon erreicht wurden und keine weitere Förderung mehr nötig ist. Diese Mittel werden dann an anderer Stelle eingesetzt.

Diese Kultur der Meilensteine sollten wir vor allem bei öffentlichen Mitteln ebenfalls etablieren, das haben wir in Österreich bisher nicht. Man muss sich überlegen und klar definieren, was mit dem Geld erreicht werden soll, es messbar machen und dann feststellen, ob die Investitionen einen Effekt gehabt haben oder auch nicht. In Zeiten der Kostenwahrheit und Budgetknappheit muss auch hier systemisch betrachtet werden, was funktioniert und was nicht funktioniert.

Wie effizient ist die österreichische Förderlandschaft im Vergleich zu den USA? Gehen die Gelder durch (zu) viele Hände, gehen dabei Mittel verloren?

Genau das wird man sich anschauen müssen, ohne dabei in eine Schwarz-Weiß-Debatte zu verfallen. Das ist nämlich genau das, was wir derzeit in den USA sehen. Dort wird das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet und radikal eingespart. Diesen Fehler sollten wir nicht machen.

Aber auch die öffentliche Verwaltung muss sich wie jeder Betrieb überlegen, wie man sich schlank und effizient aufstellt. Das gesamte Förder- und Forschungssystem muss auf Duplizitäten durchleuchtet werden. Ich sage weder, dass hier alles viel zu aufgeblasen ist, noch, dass alles in Ordnung ist. Aber die Frage zwischen Input und Output sowie die Effektivität der öffentlichen Investitionen ist zentral. Man muss darauf schauen, dass jeder Euro möglichst effizient eingesetzt wird. Insoweit wird es auch spannend zu beobachten sein, wie viel der österreichische Staatssekretär für Deregulierung erreichen wird und ob er mit bestehenden Mitteln die Effizienz im derzeitigen System steigern wird können.

Welche Schwerpunkte sollten dabei gesetzt werden?

Wir müssen hier jedenfalls einmal beginnen, überhaupt zu messen. Es braucht eine Zielsetzung – was wollen wir in einem Jahr, in zwei, in fünf Jahren erreichen? Hier ist der FTI-Monitor des FORWIT zentral, wo genau solche Faktoren erhoben werden und Bereiche, in denen es Nachbesserungsbedarf gibt, ausgewiesen werden.

Das Bekenntnis zu Kostenwahrheit und gewissen Key Performance Indicators sollten wir in Österreich relativ schnell implementieren. Es muss nachvollziehbar sein, welche Schritte zu welchen Ergebnissen führen. Auch als Steuerzahler gesprochen ist es nicht fair, wenn man am Ende des Tages nicht weiß, was mit dem Steuergeld passiert.

Die Trump-Administration streicht derzeit großflächig Forschungsbudgets und Stellen im öffentlichen Bereich. Wie groß ist denn derzeit die Unsicherheit in den USA bei Forschern und Universitäten?

Es besteht sehr viel Angst, Unsicherheit und auch Unwissenheit darüber, was weiter passieren wird. Dabei gibt es direkte und indirekte Einschnitte, je nachdem in welchem Bereich man arbeitet. Es gibt bereits direkte Jobverluste, aber es gibt auch viele Forscher, die auf Gelder des National Institutes of Health (NIH) angewiesen sind, die jetzt wegfallen könnten.

Prinzipiell ist es nichts ungewöhnliches, dass eine neue US-Regierung Akzente setzt und Organisationen wie das NIH oder die Food and Drug Administration (FDA) auch neu strukturiert. In diesem Fall sind die Einschnitte der Regierung jedoch sehr tiefgehend und führen zu großer Unsicherheit. Deutlich wird hier auch, dass die Public-Private-Partnerships und die enge Abstimmung und Zusammenarbeit zwischen FDA und Industrie von der neuen Regierung und Gesundheitsminister Kennedy kritisch gesehen werden. In die beschleunigten Zulassungsverfahren, wo sowohl FDA als auch Industrie das Ziel teilen, bessere Behandlungsmöglichkeiten schneller zu den Patienten zu bringen, könnte ebenfalls eingegriffen werden und mehr Distanz zwischen Industrie und Forschung erzwungen werden. Dass die FDA einen Gutteil ihres Budgets von der Industrie bezieht, wird hier ebenfalls noch ein Thema werden.

Aufgrund dieser Einschnitte und Eingriffe gibt es in den letzten Wochen sehr viel Aufregung in Europa und auch in Österreich. Man hat die Vorstellung, dass viele US-Forscher das Land verlassen wollen und jetzt ein Wettlauf um sie ausbricht. Packen Ihre Kollegen schon die Koffer und suchen sich neue Destinationen aus oder dominiert vorerst mal die Unsicherheit?

Es ist immer von der individuellen Situation abhängig. Ich habe derzeit noch keinen Fall in meinem Umfeld gesehen, dass tatsächlich jemand das Land verlassen will. Die Unsicherheit und der Vertrauensverlust in das System ist definitiv da. Es ist aber vor allem eine mittelfristige Frage, keine kurzfristige. Es kann durchaus sein, dass sich die Leute mittelfristig überlegen, in welchem Land der nächster Karriere-Schritt stattfinden wird. Hier kann dann ein Wettlauf um die Forscher entstehen. Derzeit ist es aber noch ein bisschen zu kurzfristig gedacht, zu denken, wir holen jetzt alle Forscher wieder retour.

Wenn jetzt ein gewisser Wettlauf um die besten Köpfe entsteht, steht Österreich und die EU natürlich nicht alleine auf dem Spielfeld. Wie schneiden wir hier im Vergleich zu Kanada, der Schweiz oder eben auch China ab? Wäre es auch möglich, dass US-Forscher nach China wechseln, weil der Tech-Sektor dort stark expandiert und im Bereich der Künstlichen Intelligenz große Fortschritte gemacht werden?

Das ist ein wichtiger Punkt und die Antwort lautet: Ja, natürlich. Das passiert auch jetzt schon. China ist in den USA präsent und umwirbt Talente. Der Wettbewerb um gute Ideen und gute Leute läuft global. Österreich muss hier eine Rolle spielen und kann das vor allem im europäischen Kontext. Jetzt ist Europa gefordert und steht vor der Frage, ob man globales Leadership im Bereich der Innovation, Wissenschaft und Forschung übernehmen will?

Bisher war es immer klar, dass die USA dieses Leadership übernehmen. Jetzt, wo sich die USA aus vielen Bereichen zurückziehen und verstärkt auf inneramerikanische Themen fokussieren, wird dieser Platz frei. Wer will die globale Leadership übernehmen? Definitiv China!

Nicht zwingend muss der Wettlauf um die „besten Köpfe“ die Forscher aber physisch nach Europa oder Österreich bringen. Wenn in den USA Projekten, die für europäische Interessen relevant sind, die Fördermittel entzogen werden, könnte Europa diese Lücken nutzen, um sich als Partner strategisch daran zu beteiligen. Das wäre wirklich eine nachhaltige Lösung. Die Debatte dreht sich vorerst um die Personen an sich, aber die Debatte müssen wir weiterdrehen und auf das Thema der Forschungsprojekte bringen.

Österreich will US-Forschern jedenfalls dennoch „den roten Teppich ausrollen“ und ihnen unter anderem mit vereinfachten Behördenwegen die Ansiedelung erleichtern. Reicht das alleine aus?

Es gibt nicht den einen Hebel, den man umlegen kann und damit die Spitzenforscher anlockt. Erleichterung bei Behördenwegen kann aber ein Teil davon sein. Leider ist Österreich bisher nicht unbedingt ein sonderlich immigrationsfreundliches Land für internationale Forscherinnen und Forscher. In den USA hat man als Top-Forscher relativ schnell Zugang zu einem Visum und einem Aufenthaltsstatus – und bisher wurde man dort auch mit offenen Armen empfangen. Dass man sich in Österreich zu Bürokratieabbau bekennt und den Bereich der Immigration vereinfachen will, ist also ein wichtiger Punkt – wenn auch nicht die Lösung für alles.

Die Ausgestaltung der einzelnen Forschungsinstitutionen ist zentral – gibt es die entsprechenden Mittel und die Flexibilität, schnell und unkompliziert eine Forschungsgruppe einzurichten und auch weitere Forscher zu rekrutieren? Diese Freiheiten und Möglichkeiten müssen geschaffen werden. Solche Fragen müssen auch auf europäischer Ebene angegangen werden. Österreich ist ein unglaublich attraktiverer Standort – wir sind zentral in Europa und sehr gut angebunden. Es ist ein wunderbarer und sicherer Ort, um zu leben. In diesem Bereich haben wir viele positive Faktoren auf der Habenseite.

Wie sieht es aber mit den Gehältern aus? Diese sind in den USA doch deutlich höher. In dieser Diskussion hat eine Gehaltstabelle der UC San Diego die Runde gemacht, die Jahresgehälter liegen dort deutlich über 1 Mio. Dollar pro Jahr, der Spitzenverdiener an dieser Uni sogar bei über 1,8 Mio. Dollar. Kann Österreich – so schön und sicher das Land ist – da mithalten?

Diese Gehaltstabelle ist ein ideales Beispiel und illustriert die Unterschiede zwischen US-amerikanischem und österreichischem Forschungsstandort sehr gut. Denn in diesem Ranking ist einerseits das Grundgehalt und andererseits das Gesamtgehalt angeführt. Das Grundgehalt über die öffentliche Universität macht dabei nur einen Bruchteil aus – der Rest kommt über Drittmittel. Die UC San Diego ist perfekt in das Biotop des lokalen Innovationsstandorts eingebettet. Die Forscher können dort über Startups und Unternehmen lukrative Drittmittel rekrutieren.

Diese Offenheit bräuchten wir in Österreich auch und sollten über Public-Private-Partnerships die Universitäten in den Innovationsbetrieb einbinden. Niemand würde erwarten, dass eine öffentliche Institution hierzulande eine Million Euro an Jahresgehalt bezahlt – aber darum geht es auch gar nicht. Wir müssen Anreize schaffen, dass private Investoren in ein Joint-Venture oder ein Spin-Off-Institut investieren, um gemeinsam Innovationen hervorzubringen. Wir haben hier großen Aufholbedarf.

Wird dieser Aufholbedarf ausreichend erkannt?

Europa wird daran gemessen werden, ob es jetzt die Trendwende schafft.
„The US innovates, China imitates, Europe regulates“ darf nicht länger der Fall sein.

Zur Person

Der gebürtige Weinviertler Dietrich Haubenberger ist Neurologe und klinischer Forscher. Von 2019 bis 2024 war er Präsident der Austrian Scientists and Scholars in North America (ASciNA). Er ist Leiter der klinisch-translationalen Forschung des biopharmazeutischen Unternehmens Neurocrine Biosciences in San Diego. Seit November 2023 ist er auch Mitglied des Rates für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT).