Interview

Stocker: „Das eine Prozent Wachstum fällt nicht vom Himmel“

Das IHS geht bis 2030 in Österreich von einem durchschnittlichen Wachstum von 1 Prozent aus. Das entspricht dem Ziel, das sich Bundeskanzler Christian Stocker gesetzt hat. Für unambitioniert hält er es nicht: „Das eine Prozent fällt nicht vom Himmel. Ich bin in einer Rezession angetreten – die Prognose lag bei minus 0,6 beziehungsweise minus 0,3 Prozent, da wäre 1 Prozent grandios gewesen“. Zu den Prognosen, die die Erreichung des Defizitziels 2028 infrage stellen, sagt Stocker: „Wir haben sie im Vorjahr widerlegt, wir werden es hoffentlich auch diesmal tun“. Dem Freiwilligen-Modell der Neos beim Wehrdienst erteilt er eine Absage: „Für dieses Modell sehe ich unmittelbar keine Möglichkeit.“

Bundeskanzler Christian Stocker © Wenzel/Wilde/BKA / Montage: Selektiv
Interview

Lars Feld: „Dieses Niveau der Lohnkosten ist nicht durchhaltbar“

Lars P. Feld war Vorsitzender des deutschen Sachverständigenrats und Wirtschaftsberater unter Finanzminister Christian Lindner, heute leitet er das Walter Eucken Institut in Freiburg. Im Selektiv-Interview zieht er eine gemischte Bilanz der jüngsten Reformwelle der deutschen Bundesregierung: Bei Rente, Steuern und Gesundheit würden Unternehmen in Summe stärker belastet, statt den Standort zu stärken. „Eine klare weitere Verschlechterung des Standorts Deutschland“, so Feld. Mit Blick auf Österreich, wo mittlerweile rund ein Viertel der Bundesausgaben in den Pensionszuschuss fließt, sieht er „eine klare finanzielle Schieflage, bei der bislang nichts passiert ist“ und erklärt, warum weder Berlin noch Wien den Mut zu echten Pensionsreformen aufbringen, solange sich „die älteren Wählerinnen und Wähler egoistisch zu Lasten der Jüngeren durchsetzen“.

Lars P. Feld leitet das Walter Eucken Institut in Freiburg © Walter Eucken Institut / Montage: Selektiv
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E-Control zu Stromspeichern: „Anfragen übersteigen den Bedarf massiv“

Der starke Ausbau kleinerer PV-Anlagen hat das Stromnetz in Bedrängnis gebracht. Bei Batteriespeichern ist man daher vorsichtiger. Die E-Control setzt die Kriterien für ein Aussetzen der Netzgebühren für Speicher sehr eng und erntet damit Kritik. Die Einschränkungen seien „technisch gut begründbar“, sagt E-Control-Vorstand Alfons Haber.

E-Control-Vorstand Alfons Haber © E-Control, Wilke / Montage: Selektiv
Interview

Bonin: „Produktivitäts-Fortschritte durch KI fließen in kürzere Arbeitszeiten“

Österreich blickt auch mittelfristig einem sehr verhaltenen Wirtschaftswachtum entgegen. Schuld daran ist einerseits die Demografie, erklärt IHS-Direktor Holger Bonin. Aber auch die geringeren Produktivitätszuwächse. Dass Digitalisierung und KI das Ruder herumreissen könnten, bezweifelt der Ökonom: „Wenn jemand dank KI drei Stunden weniger arbeitet, steigt seine persönliche Wohlfahrt, aber in den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätskennzahlen sehe ich davon nichts“. Bonin erklärt außerdem, warum er die Lohnnebenkostensenkung kritisch sieht und fragt sich, was die Regierung mit der Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel erreichen will: „Ob die Leute spüren, dass der Einkauf 50 Cent günstiger ist – ich zweifle daran.“

Holger Bonin ist Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS) ©IHS / Matphoto / Carl Anders Nilsson / Montage: Selektiv
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„Wir müssen die europäische Nachfrage nach KI ankurbeln“

Der „EU Chips Act“ konzentriert sich auf die falsche Kategorie an Mikrochips, kritisiert Digital-Experte Roman Afuss. „Das Projekt birgt die Gefahr in sich, aufgrund fehlender Nachfrage nach diesen KI-Chips in Europa dauerhaft subventioniert werden zu müssen. Und ich gehe davon aus, dass es nicht so klug ist, zu versuchen, China oder die USA mit höheren Subventionen für souveräne KI-Chips zu übertrumpfen“. Daher müsse man zuerst die europäische Nachfrage nach KI ankurbeln.

Roman Afuss ist Experte für Digitalisierung © Afuss / Montage: Selektiv

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Meinung, Reflektion und Standpunkte zum aktuellen Geschehen.
Interview

Possnig: „Das wäre unser Ticket zum Mond gewesen“

Europa ist im Weltraum „vollständig abhängig von anderen Playern“, sagt die ESA-Ersatzastronautin und Weltraummedizinerin Carmen Possnig. „Alles, was die menschliche Erforschung des Weltraums betrifft, und auch der Weg zur Internationalen Raumstation, läuft im Moment über die Nasa“. Europa habe keine Rakete, die stark genug ist, um aus dem niedrigen Erdorbit hinauszukommen.

Carmen Possnig ist österreichische Medizinerin und ESA-Ersatzastronautin © Possnig / ESA / Montage: Selektiv
Interview

Demograf: „Der Babyboom kam nicht von ungefähr“

Österreich verzeichnete 2025 das sechste Jahr in Folge eine negative Geburtenbilanz. Dieser Trend wird sich laut dem Demografen Stephan Marik-Lebeck auch in den nächsten Jahrzehnten durchgehend so fortsetzen – „wenn sich an der Fertilität nicht radikal etwas ändert“.

Stephan Marik-Lebeck ist Bereichsleiter für Demographie und Gesundheit von Statistik Austria © beigestellt | Montage: Selektiv
Interview

KSV1870-CEO: „Ich sehe keine strukturellen Reformen im Doppelbudget“

Vybiral identifiziert im Selektiv-Interview vier Problemfelder: Kostensteigerungen, Personalmangel, überbordende Regulatorik und wegfallende Förderungen – während gleichzeitig keine strukturellen Reformen angegangen werden. Die Budgetkonsolidierung werde von der Regierung nur als „taktische Aufgabe“ verstanden, um das Defizitverfahren zu beenden. „Das ist zwar sinnvoll, aber auch nur ein Kurzstreckenlauf. Österreich braucht aber einen Langstreckenlauf, da den Unternehmen das Vertrauen in die Zukunft fehlt“.

Ricardo-José Vybiral ist Geschäftsführer des Kreditschutzverbands von 1870 © Foto Wilke | Montage: Selektiv
Interview

Katzmair: „Wir haben Souveränität durch bürokratische Regeln ersetzt“

Harald Katzmair ist Experte für Netzwerk- und Diskursforschung und hat für Selektiv die Methodik und die Analyse hinter den „Selektiv 100“ entwickelt. Welche Themen beschäftigen Unternehmensvorstände, die wirtschaftspolitisch besonders aktiv sind? „Unternehmen fragen sich, wie sie unter wachsender Regulierung, geopolitischem Druck, Energie- und Fachkräftethemen sowie Finanzierungsfragen handlungs- und wettbewerbsfähig bleiben“, sagt Katzmair. Die Analyse habe aber auch die tieferliegenden Mechanismen beleuchtet.

Harald Katzmair ist Gründer und Direktor von FAS Research © FAS / A. Chsitazan